„Russisch gestimmt“ - Das Schleswig-Holstein Musik Festival 2008
Von
„Steife Brise“ über „Russisch rasant“ bis zu „Tanzmusik“ – Die
„Musikfeste auf dem Lande“ des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2008
locken auch in diesem Sommer alle Musikbegeisterten mit einer
unglaublichen Vielfalt hinaus zu den schönsten Gutshöfen in
Schleswig-Holstein und in die Hamburger HafenCity. Sechs Musikfeste mit
insgesamt 48 abwechslungsreichen Konzerten machen die
Festivalwochenenden vom 12. Juli bis zum 17. August fast zu einem
Festival im Festival. In diesem Jahr ist das Publikum eingeladen, zu
den Gutshöfen von Stocksee, Emkendorf, Pronstorf und Wotersen sowie in den Hamburger Hafen
zu pilgern, um die schönste Verbindung von Ambiente und Musik zu
erleben. Als Konzerthallen dienen dabei malerische Scheunen und Ställe,
historische Reithallen oder das temporäre Kreuzfahrtterminal der
Hamburger HafenCity. Klassikstars von morgen und Künstler des
SHMF-Hauptprogramms machen einen Ausflug zu den Musikfesten auf dem
Lande zu einem unverwechselbaren Erlebnis. Auch für die Kinder ist
gesorgt: Während die Großen der Musik lauschen, wird der Nachwuchs an
jedem Wochenende in den Konzertblöcken A, C und D in einer Kindermusikwerkstatt spielerisch an die Welt der Musik herangeführt. Die
im vergangenen Jahr eingeführten Änderungen haben sich bewährt: Jedes
Wochenende steht unter einem bestimmten Motto und verleiht den
Musikfestprogrammen einen roten Faden. Die geänderte Zeitstruktur wurde
vom Publikum begeistert aufgenommen: Am Samstagmorgen können sich die
Zuhörer etwas mehr Zeit lassen, denn die Konzerte beginnen erst um 13
Uhr. Am Sonntag besteht dafür ab 11 Uhr die Möglichkeit, die Musikfeste
auch ganztägig zu genießen. So kann das Publikum an beiden Tagen
zwischen einer Halbtageskarte mit zwei einstündigen Konzerten und einer
Tageskarte wählen. Aber natürlich lohnt es sich auch das
abwechslungsreiche Programm des ganzen Wochenendes zu genießen. Die im
vergangenen Sommer neu eingeführte Nummerierung der Sitzplätze hat sich
ebenfalls bewährt. Neu ist in diesem Jahr der Musikalische Nachschlag
am Samstagabend, direkt im Anschluss an das letzte Konzert: Bei
Gesprächen und Live-Musik in der Musikfestgastronomie können Publikum,
Musiker und Festivalmitarbeiter den Musikfesttag entspannt ausklingen
lassen. Klassik à la carte
Auch in
diesem Jahr ist NDR Kultur wieder mit seiner Sendung Klassik à la carte
zu Gast bei den Musikfesten: In Pronstorf und Emkendorf wird die
beliebte Sendung, bei der jeweils ein prominenter Gast einem Moderator
des NDR Rede und Antwort steht, auf der Musikfestbühne produziert. Das
Besondere dabei: Auch die Musik wird live dargeboten. So werden die
russische Pianistin Lilya Zilberstein (3.8. Pronstorf) und der „Artist
in Residence“ des SHMF Martin Grubinger (16.8. Emkendorf) sowohl im
persönlichen Gespräch zu erleben sein als auch mit musikalischen
Kostproben begeistern. Startschuss: „Steife Brise“ in der Hamburger HafenCity
Mit
großem Erfolg fand im vergangenen Sommer zum ersten Mal ein „Musikfest
in der HafenCity“ statt. Das aus aufeinander gesetzten bunten
Übersee-Containern bestehende Terminal des Hamburg Cruise Center diente
dabei als Konzertsaal. Die gute Akustik, das maritime Flair und der
direkte Blick auf die wachsende HafenCity, die Elbe und den Hamburger
Hafen machen das Cruise Center zu einem hervorragenden Ort für ein
Musikfest – auch im Sommer 2008. Passend zur Umgebung des Hafens, dreht
sich das Musikfest in der HafenCity am 12. und 13. Juli unter dem Motto „Steife Brise“ in diesem Jahr um „stürmische Musik“.
Ein
außergewöhnliches Programm zum Thema Wind hat Peter von Wienhardt, seit
Jahren der Orchesterakademie als Leiter von Kammermusik-projekten
verbunden, zusammengestellt. Komponisten wie Debussy, Sibelius und
Liszt haben sich von diesem Naturphänomen ebenso inspirieren lassen wie
Beethoven in seiner 6. Sinfonie, der „Pastorale“. Ebenfalls eine
Pastorale mit einem musikalischen Gewitter hat das spanisch-deutsche
Iturriaga Quartett mit dem dritten Streichquartett von Arriaga im
Gepäck. Auch die fünf jungen Sänger des Calmus Ensemble aus Leipzig
ließen sich vom stürmischen Thema inspirieren und stellten ein Programm
zusammen, das von bewegter Natur und Phantasie über den Sturm im Krieg
bis stürmisch-temperamentvollen Liedern der Comedian Harmonists reicht.
Das Kammerorchester Sinfonietta Baltica unter Leitung von Gerd
Müller-Lorenz tritt inzwischen bereits zum fünften Mal bei den
Musikfesten auf und wird gemeinsam mit dem Tango-Spezialisten Jacques
Ammon Piazzollas „Vier Jahreszeiten“ aufführen. Der Originaltitel
lautet passend zum Ort des Musikfestes „Estaciones Porteñas“, also
„Jahreszeiten der Hafenbewohner“ – was könnte passender sein? Musikfeste in Stocksee und Pronstorf zum Länderschwerpunkt Russland: „Russisch beseelt“ und „Russisch rasant“
Traditionell
widmet sich das Musikfest in Stocksee dem Länderschwerpunkt des
Schleswig-Holstein Musik Festivals. Die russische Musikszene ist jedoch
so abwechslungsreich, dass ein „Musikfest auf dem Lande“ zum
Länderschwerpunkt nicht mehr genügt. Aus diesem Grund widmen sich das
Musikfest in Stocksee am 19. und 20. Juli unter dem Motto „Russisch beseelt“ und das Musikfest in Pronstorf am 2. und 3. August unter dem Motto „Russisch rasant“ den verschiedenen Facetten der russischen Musik. Umgeben
von üppigen Obstplantagen und einer Parkanlage mit neoklassizistischem
Herrenhaus, Teichen und jahrhundertealten Bäumen wird auf Gut Stockseehof
der besondere Klang der russischen Seele in ganz unterschiedlichen
Konzerten erlebbar gemacht. Das Programm reicht dabei von Einblicken in
die reiche russische Kammermusiktradition über russischen Tango bis hin
zur Musik für Bajan, dem russischen Knopfakkordeon. Neben
bekannten Kammermusikwerken von Tschaikowsky, Rachmaninoff und
Prokofieff stehen auch unbekanntere Kleinode von Arensky, Borodin oder
Aljabjew auf dem Programm. Interpreten sind dabei – typisch für die
Musikfeste – einerseits Künstler des SHMF-Hauptprogramms wie die St.
Petersburger Kammersolisten, andererseits herausragende junge Musiker
aus Russland: Der 1988 geborene Geiger Sergey Dogadin studiert am
renommierten St. Petersburger Konservatorium und konzertierte bereits
mit Orchestern wie dem Royal Philharmonic Orchestra oder den St.
Petersburger Philharmonikern. Ebenfalls aus der Eliteschmiede des
Konservatoriums hervorgegangen ist das Atrium Quartett. Auch
russische Folklore ist in Stocksee in ihrer ganzen Vielfalt zu erleben:
Das mit sechs Männern besetzte Vokalensemble Anima widmet sich
russischen Volksliedern, die Gruppe Talisman der russischen Zigeuner-
und Volksmusik und Peter Wassiljewski mit seinem Leschenko-Orchester
der Musik von Pjotr Leschenko, dem „König des russischen Tango“.
Gespannt sein darf man außerdem auf das wohl exotischste russische
Instrument, das Theremin: Erfunden 1919 vom russischen Physiker Leon
Theremin gilt es als das erste elektronische Musikinstrument der Welt.
Wie von Geisterhand wird das Instrument, das wie eine Mischung aus
menschlicher Stimme, Säge und einem Streichinstrument klingt, ohne
Berührung gespielt. Die Großnichte des Erfinders, die Russin Lydia
Kavina, wird am Samstagabend in Stocksee das faszinierende Instrument
vorstellen. „Russisch rasant“ wird es dann zwei Wochen später im Kuhstall von Gut Pronstorf
zugehen. Der Geiger Evgeny Sviridov, der vor wenigen Wochen als
Preisträger vom Menuhin-Wettbewerb nach St. Petersburg zurückkehrte,
wird sich ebenso jugendlich virtuos präsentieren wie die in Deutschland
lebende russische Pianistin Olga Scheps. Im Gegensatz zu diesen beiden
jungen Musikern ist Lilya Zilberstein fast schon eine Grande Dame des
russischen Klavierspiels. Mit dem Orchestra Ensemble Kanazawa tritt sie
im SHMF-Hauptprogramm auf, in Pronstorf wird sie im Rahmen der Sendung
„Klassik à la carte“ den Radiozuhörern und Gästen des Musikfestes Rede
und Antwort stehen. Darüber hinaus bietet das Musikfest in
Pronstorf aber noch weitere rasante Darbietungen: Das russische
Nationalinstrument, die Balalaika, wird als klassisches Instrument
ebenso wie als Instrument der russischen Volkmusik zu hören sein.
Andreij Gorbatschow, Professor für Balalaika an der Moskauer
Gnessin-Musikhochschule, hat wie kein anderer Spieler vor ihm das
konzertante Balalaikaspiel revolutioniert und das Zupfinstrument in den
großen Konzertsälen Russlands etabliert. Sein Konzertprogramm in
Pronstorf mit Lothar Freund am Klavier beinhalten sowohl Originalwerke
für Balalaika als auch virtuose Transkriptionen der Geigenliteratur.
Auf Transkriptionen greifen auch die Musiker des Terem Quartet zurück,
die zwischen ihren Auftritten im Hauptprogramm am Sonntagmorgen in
Ponstorf vorbeischauen. Richtig rasant geht es am Samstagabend im
Pronstorfer Kuhstall zu, wenn Apparatschik, die deutsch-russische Band
aus Berlin, die Bühne betritt. Mit Balalaika, Bass, Bajan, Schlagzeug
und der Stimme von Oljég Matrosov präsentieren sie ihren übermütigen
Mix aus russischer Volxmusik, Ska und Polka. „Tanzmusik“ in Wotersen
Mit
beschwingten Konzertprogrammen, die von Tänzen des Mittelalters und der
Renaissance über russische Ballettmusik bis zu Tango und Volksmusik
reichen, bittet Schloss Wotersen am 9. und 10. August zum Musikfest „Tanzmusik“.
Die Konzerte finden in der historischen Reithalle statt, die Teil der
Gutsanlage ist, die als Kulisse für die Fernsehserie „Das Erbe der
Guldenburgs“ große Bekanntheit erlangte. Der malerische Park von
Wotersen ist an diesem Wochenende exklusiv für Musikfestbesucher
geöffnet. Zu Beginn des Musikfestes nimmt das Ensemble L’Art du
Bois das Publikum mit auf eine Reise durch das Mittelalter, die
Renaissance und den Barock. Auf Lauten, Blockflöten und einer Gambe
spielen die jungen Musiker schwungvoll-furiose Tanzmusik in selbst
arrangierten Sätzen. In zwei Konzerten sind in Wotersen Stipendiaten
der Deutschen Stiftung Musikleben zu hören: Der Klarinettist Clemens
Trautmann hat gemeinsam mit Christian Ruvolo (Klavier) ein äußerst
abwechslungsreiches Programm mit kurzen Tänzen von Lutoslawski,
Rachmaninoff, Gershwin und vielen mehr zusammengestellt. Die aus
Münster stammende 20-jährige Geigerin Suyoen Kim, Preisträgerin des
Internationalen Violin-Wettbewerb Hannover „Joseph Joachim“, und der
russische Pianist Igor Levit werden mit ungarischen, norwegischen und
spanischen Tänzen zu hören sein. Passend zum Länderschwerpunkt, kommt
natürlich auch der russische Tanz nicht zu kurz: Eckart Runge und
Jacques Ammon, bekannt durch ihre erfolgreiche Interpretation
argentinischer Tangos, haben dieses Mal russische Tangos im Gepäck, das
Klavierduo Silver-Garburg spielt russische Ballettmusik und das
Ensemble Gitanes Blondes in der Besetzung Geige, Gitarre, Kontrabass
und Bajan gibt wilde Volkstänze und traurige Weisen aus Russland und
dem Balkan zum Besten. Musikfeste in Emkendorf: „Cellissimo“ und „Mit Pauken und Trompeten“
Für
eingefleischte Musikfestfans ist das zwischen Kiel und Rendsburg
gelegene Emkendorf das Mekka der „Musikfeste auf dem Lande“. Kein
Wunder: Das in einen riesigen englischen Park eingebettete Gut mit
seinem frühklassizistischen Herrenhaus und der als Konzertsaal
dienenden Scheune mit der beeindruckenden Balkenkonstruktion ist
bestens geeignet für ein Fest für alle Sinne. Gleich zweimal sind die
Musikfeste im Sommer 2008 daher zu Gast in Emkendorf. Am 26. und 27. Juli wird Emkendorf ein Wochenende lang Austragungsort eines kleinen Cellofestivals. Unter dem Motto „Cellissimo“
zeigt sich das Instrument mit seinem warmen Streicherklang dabei von
den unterschiedlichsten Seiten. Zwei der führenden Cellisten der
jüngeren Generationen werden mit ihren Klavierpartnern nach Emkendorf
kommen: Der 1987 geborene Däne Andreas Brantelid eröffnet das Musikfest
gemeinsam mit der armenischen Pianistin Marianna Shirinyan, Gewinnerin
des im Rahmen der „Musikfeste auf dem Lande“ verliehenen Förderpreises
der Sparkassen-Finanzgruppe 2001 und inzwischen ARD-Musikpreisträgerin.
Als Vertreter der herausragenden jungen deutschen Cellisten wird Julian
Steckel nach Emkendorf reisen, im Gepäck Beethovens Cellosonate in
g-Moll sowie die selten zu hörende Cellosonate von Giuseppe Martucci. Gabriel
Schwabe, frisch gebackener Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs,
stellt sein wertvolles Cello von Francesco Ruggeri (Cremona 1674), eine
Leihgabe aus dem Deutschen Musikinstrumentenfonds, gemeinsam mit den
Musikern seines Bianco Quartetts vor – solistisch, im Duo und im
Quartett. Mitglieder des Berliner Solistenensembles Kaleidoskop werden
zunächst unter dem Titel „Casanova“ die Komponisten Luigi Boccherini
und Giovanni Sollima porträtieren und anschließend Cellokonzerte von
Carl Philipp Emanuel Bach und Haydn in kammermusikalischer Besetzung
aufführen. Aber auch auf das fetzige, jazzige Cello kann sich das
Publikum freuen. So wird etwa das russische Celloensemble Rastrelli
Quartett bekannte Jazz- und Pop-Songs in einem ganz neuen Gewand
interpretieren, und auch der Cello-Rebell Wolfram Huschke, seit Jahren
Stammgast bei den „Musikfesten auf dem Lande“, wird auf seinen
akustischen und elektronischen Instrumenten für die eine oder andere
Überraschung sorgen. „Mit Pauken und Trompeten“ beenden die „Musikfeste auf dem Lande“ in diesem Jahr in Emkendorf die Saison. Ein ganzes Wochenende lang dreht es sich am 16. und 17. August
um Percussion- und Blechblasmusik. Fehlen darf zu diesem Anlass
natürlich nicht der „Artist in Residence“ des diesjährigen SHMF, der
umjubelte Star der Schlagzeugszene Martin Grubinger. Nach einem
Crossover-Konzert in Hamburg und seinem „Workshop der Kulturen“ in
Lübeck wird er am Tag nach seinem Schlagzeugmarathon mit der NDR
Radiophilharmonie nach Emkendorf kommen. Vor dem Publikum produziert
NDR Kultur dann eine Sendung von „Klassik à la carte“, in der Martin
Grubinger über seine Erlebnisse beim Festival plaudern und die reiche
Palette seiner „Multipercussion“-Kunst demonstrieren wird. Neben
Martin Grubinger sind als Schlagzeugvirtuosen das vierköpfige Hamburger
Ensemble ElbtonalPercussion in Emkendorf zu Gast sowie der junge
Schlagzeuger Johannes Fischer, der spätestens, nachdem er im
vergangenen Jahr sowohl den Deutschen Musikwettbewerb als auch den
Internationalen Musikwettbewerb der ARD gewann, auf einer Erfolgswelle
schwimmt. Als Vertreterin der Blechbläser gibt die 20-jährige
norwegische Trompeterin Tine Thing Leseth ihr Debüt beim SHMF, in ihrer
Heimat bereits ein Star. Zur Garde der jungen deutschen Jazzmusiker
gehört der 19-jährige Julian Wasserfuhr. Im Juli ist er bereits zum
dritten Mal zu Gast bei JazzBaltica in Salzau, beim Musikfest in
Emkendorf wird er mit seinem Julian und Roman Wasserfuhr Quartett das
Musikfestpublikum zum Grooven bringen. Spannend wird es wieder, wenn
der Förderpreis der Sparkassen-Finanzgruppe vergeben wird. In diesem
Jahr werden sich drei junge Blechbläser dem öffentlichen Wettbewerb
stellen und um die Gunst der Jury und des Publikums spielen. Der von
der Sparkassen-Finanzgruppe gestiftete Preis ist mit 5.000 Euro
dotiert, zusätzlich wird ein Publikumspreis in Höhe von 500 Euro
vergeben. Fetzig-temperamentvoll wird die Reihe der diesjährigen
„Musikfeste auf dem Lande“ schließlich am frühen Sonntagabend mit dem
Blechbläserensemble Embrassy und Special Guest David Salomon Jarquín
beendet. Die Musiker von Embrassy entdeckten den jungen Trompeter bei
ihren Blechbläser-Workshops in Nicaragua und förderten ihn über Jahre
hinweg. Inzwischen studiert David Salomon Jarquín bei Max Sommerhalder
in Detmold und ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe.
|